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Drum-Technik – Wozu das alles lernen und üben?

Martin Grubinger14. Oktober 20268 Min. Lesezeit
Drum-Technik – Wozu das alles lernen und üben?

In den letzten Wochen habe ich viel über meine Studierenden an der Universität Mozarteum Salzburg und meinen dort vermittelten Lehransatz nachgedacht.

Schlagzeug lernen vor YouTube und Social Media

Ich bin 1983 geboren – jetzt also gut über 40 – und wurde in einer Zeit als Schlagzeuger sozialisiert, die frei von Einflüssen durch das Internet und Social Media war.

Unsere Quelle für das, was „dort draußen“ passierte, waren die VHS-Kassetten und DVDs in den örtlichen Drum-Stores. Dort haben wir uns stundenlang aufgehalten und uns die Videos der Schlagzeug-Stars aus den USA angesehen. Alles, was sie gesagt, gespielt und vermittelt haben, wollten wir uns zu eigen machen. Nachspielen und – im besten Sinne – Kopieren waren das Gebot der Stunde.

Drei Jahre am Practice Pad

Und dann ging es für mich mit 13 Jahren an das damalige Bruckner-Konservatorium nach Linz. Dort war jener Lehrer, der wie kein anderer meine Sicht auf das Schlagzeugspiel geprägt hat.

Er war es, der mich jede Woche auf die nächste künstlerische Aufgabe vorbereitet und mir die schlagzeugerischen Werkzeuge vermittelt hat, die aus meiner Sicht Top-Schlagzeuger:innen, egal welchen Genres, brauchen.

Drei Jahre saßen wir am Practice Pad. Drei Jahre! Nonstop wurde Technik vermittelt und mir als Aufgabe gestellt. Derzeit führe ich viele Diskussionen mit Kolleg:innen über die Frage, wie wichtig technische Fertigkeiten denn eigentlich für die künstlerische Entwicklung von Schlagzeuger:innen sind. Und vor mir tut sich da derzeit ein größer werdender Graben zwischen meinen Ansichten und den Meinungen meiner Kolleg:innen auf. Jetzt würde ich für mich in Anspruch nehmen wollen, dass ich als ehemaliger Konzertsolist, der alle Orchester und Konzertsäle der Welt bespielt hat, das aus eigener Erfahrung am besten bewerten und wissen müsste. So leicht aber ist es nicht.

Zurück zu meiner Jugendzeit am Bruckner-Konservatorium in Linz. Dort war mein Vertrauen in meinen damaligen Lehrer Leonhard Schmidinger so groß, dass ich wirklich nie seine Methoden, Ansätze und Vorschläge infrage gestellt hätte. Was er gesagt hat, war Gesetz. Das hatte für mich im Nachhinein betrachtet einen ganz großen Vorteil. Ich habe nie Zeit mit Zweifeln verloren. Ich war nie unsicher, ob dieser Weg denn der richtige sei. Denn äußere Einflüsse – sei es durch YouTube, Social Media oder auch andere Schlagzeuger:innen – waren nicht gegeben. Es gab einen vorgegebenen, unumstößlichen Weg. Es war dieser – kein anderer. Und mein Lehrer Leonhard Schmidinger war mein musikalischer Anführer.

Grundtechniken der Schlagzeugtechnik: meine Werkzeugkiste

Drei Jahre habe ich mich Woche für Woche mit den Grundtechniken des Schlagzeugspiels auseinandergesetzt. Wrist Strokes, Finger Strokes, Combinations, Up- and Downstrokes, Double Strokes, Paradiddles, Flams etc. Das alles war für viele Jahre meine Welt. Und es hat meinen sportlichen Ehrgeiz massiv angespornt. Denn ich habe das immer als Aufbau-Training für meine spätere Mission einer Solistenkarriere gesehen. Das Basis-Training für alles, was dann kommen sollte. Meine Mission neben der Schule: freitags im Unterricht die vorgegebenen technischen Übungen in Perfektion spielen und dies bei maximaler Präzision in allen Dynamiken besser spielen als mein Lehrer selbst. Nie hat sich mir die Frage gestellt, warum das alles sein sollte und wann es denn endlich mit Solowerken losgehen würde. Nie hatte ich den Eindruck, mir würde etwas davonlaufen, oder die anderen würden längst Stücke spielen, während ich in der Technik „festsitzen“ würde. Denn die anderen gab es nicht. Weder an meinem Konservatorium – noch in einem damals nicht existierenden World Wide Web.

Die Mitte der 90er gelegte Basis war meine riesengroße schlagzeugerische Werkzeugkiste. Und ich bin unendlich dankbar für diese Ausstattung. Denn ohne sie wäre meine Karriere nicht möglich gewesen. Warum, fragt ihr euch?

Was eine Solokarriere am Schlagzeug wirklich bedeutet

Ganz einfach: Die meisten Schlagzeugkolleg:innen haben wenig Vorstellung davon, was eine wirkliche Schlagzeug-Karriere als Solist auf allen fünf Kontinenten bedeutet. Bitte verzeiht die direkte Ansage.

Große Solist:innen bespielen die großen und kleinen Säle, die gut begleitenden und weniger überzeugenden Orchester und Dirigent:innen drei- bis viermal die Woche.

Internationale Solist:innen spielen unter den unterschiedlichsten Bedingungen. In Sälen mit großer Luftfeuchtigkeit, schlechten Instrumenten und wenig Probezeit. Sie spielen mit Kammermusikpartner:innen, die selbst nur wenig Zeit zur Vorbereitung haben – und dann trotzdem die Carnegie Hall füllen. Sie spielen – gerade in Asien und Südamerika – auf schlecht gewarteten Instrumenten. Sie spielen mit 40 Grad Fieber und Muskelkrämpfen. Sie spielen manchmal unter widrigsten Bedingungen und mit maximaler Erschöpfung. Aber sie spielen immer auf Top-Niveau. Und das geht nur mit einem technischen Rüstzeug, das man in jedem Konzert uneingeschränkt für sich nutzen kann. Es ist die Basis, die es den großen Solist:innen jedes Instruments erlaubt, zu jeder Zeit das musikalisch Bestmögliche zu erreichen.

Rezitalprogramm ist nicht gleich Solokarriere

Ein Solo-Rezitalprogramm zu haben, diverse Kammermusikprojekte zu bestreiten und in der eigenen Blase zu „performen“, ist ehrenwert und eine große Leistung. Mit vollumfänglichen Schlagzeugsolist:innen hat es nicht sehr viel zu tun. Sie müssen jederzeit alles bestreiten können – vom Solorezital über Orchesterkonzerte und Kammermusik bis hin zu zeitgenössischer Musik und Bandprojekten, in kleinen wie in großen Sälen. Denn das macht die Welt des Schlagwerks aus.

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Braucht es die technische Toolbox wirklich?

Nun diskutiere ich viel und oft mit Freund:innen, Kolleg:innen und auch meinen Studierenden, ob denn diese technische „Toolbox“ überhaupt notwendig ist. Es gäbe doch Beispiele, wo das auch anders ginge. In diesem Moment frage ich nach: Wo sind diese Beispiele? Wer hat mich in den letzten 20 Jahren solistisch am Schlagzeug so überzeugt, dass ich ihm oder ihr internationales Format zusprechen würde? Dies ist kein Text für Namedropping – nur so viel: Viele sind es nicht.

Ungeduld im Zeitalter von Social Media

Ich spüre bei wirklich all meinen Studierenden diese „leidenschaftliche“ Ungeduld. Dieses Gefühl, durchgehend etwas zu verpassen oder überholt zu werden. Diese Gier nach Repertoire und Stücken, für die man spieltechnisch „noch“ gar nicht bereit ist, die man aber sofort spielen will. Weil halt andere sie auf Social Media schon spielen. Aber bei uns Musiker:innen ist es wie bei anderen Handwerken auch. Nur mit einer atomsicheren Basis kann Außergewöhnliches entstehen. Nur mit einer „Toolbox“ voller Möglichkeiten werden aus guten Schlagzeuger:innen internationale Künstler:innen.

Transparenz: Jede Note bis in die 80. Reihe

Transparenz stellt sich in großen Sälen mit Orchester nur bei den wirklich über den Dingen stehenden Schlagzeuger:innen ein. Sie können ihr Spiel so kristallklar umsetzen, dass die ältere Dame in der 80. Reihe auch dort noch jede Note, jede Phrasierung, jede Dynamik hören kann. Sie entwickeln ein Spielgefühl, das sich jeder Besetzung, jedem Saal und jedem Werk anpasst.

Oftmals höre ich derzeit: „Ja, aber das Werk war halt auch schwierig instrumentiert.“ Und dann denke ich: Warum sind bei Geiger:innen oder Pianist:innen das Handwerk und die damit verbundene Transparenz unumstößlich und bei den großen Solist:innen die ultimative Bedingung für eine Karriere, während es bei uns Schlagzeuger:innen immer auch am Saal, an den Instrumenten, am Werk oder an der Instrumentierung liegen soll?

Fazit: Das Handwerk macht den Unterschied

Die Basis für all das liegt im Handwerk. Und dieses muss in all seinen Verästelungen und Facetten und Umfängen gelernt werden. Nur damit entstehen Künstler:innen/Schlagzeuger:innen, die alle Säle, Projekte, Orchester und Besetzungen spielen können. Und daraus werden große Solist:innen. Alle anderen sind – und ihr verzeiht die Offenheit – „nur“ sehr gute Schlagzeuger:innen.


FAQ

Wie wichtig ist Schlagzeugtechnik für Schlagzeuger:innen?

Technik ist die Basis für musikalische Freiheit. Nur wer sein Handwerk sicher beherrscht, kann unter allen Bedingungen auf höchstem Niveau spielen – unabhängig von Saal, Instrument oder Besetzung.

Wie lange sollte man sich mit den Grundtechniken beschäftigen?

Es gibt keine Abkürzung. In meiner eigenen Ausbildung habe ich drei Jahre lang fast ausschließlich an der Technik gearbeitet. Die Grundlagen begleiten Schlagzeuger:innen ein Leben lang, aber die intensive Aufbauphase dauert oft mehrere Jahre.

Welche Grundtechniken gehören zur Basis?

Zu den wichtigsten Grundtechniken zählen Wrist Strokes, Finger Strokes, Up- and Downstrokes, Double Strokes, Paradiddles, Flams und deren Kombinationen. Einige Beispiele findet ihr in diesem Reel zu den Technikkursen der MyGroove App. Wie ihr diese Techniken gezielt übt, inklusive Trainingsplan, liest ihr in meinem Artikel Schlagzeugtechnik lernen – Warum die Basics über deinen Erfolg entscheiden.

Was unterscheidet eine Solokarriere am Schlagzeug von einem Rezitalprogramm?

Ein Rezitalprogramm ist eine große Leistung. Eine internationale Solokarriere verlangt aber, jederzeit kleine, mittelgroße und große Säle, Solo-Rezitals, Orchesterkonzerte, Kammermusik, zeitgenössische Musik und Bandprojekte, in kleinen wie in großen Sälen, oft drei- bis viermal pro Woche.

Wie gehe ich mit Ungeduld und dem Vergleich auf Social Media um?

Das Gefühl, etwas zu verpassen, ist verständlich, aber ein schlechter Ratgeber. Wer Stücke spielt, für die noch die technische Basis fehlt, verliert langfristig Zeit. Ein klarer Weg und Vertrauen in die eigene Lehrperson helfen, fokussiert zu bleiben.



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Über den Autor

Martin Grubinger

Martin Grubinger

Musiker & MyGroove Gründer

Technische Perfektion, Spielfreude und musikalische Vielseitigkeit sind die Qualitäten, für die Martin Grubinger als vielleicht bester Multipercussionist der Welt gilt. Seine kometenhafte und einzigartige Bühnenkarriere wie seine Professur am Mozarteum Salzburg legen hierfür Zeugnis ab. Jetzt widmet sich Martin verstärkt der digitalen Musikvermittlung und entwickelte die MyGroove App, um die Freude am Musik machen verstärkt in den Alltag zu transportieren.

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