Wie übt man richtig?

In dieser Woche wurde ich vom Team MyGroove gebeten, über das richtige Üben zu schreiben. Nun, es ist nicht leicht, das zu beantworten. Denn es gibt nicht diesen einen Weg, der für alle machbar und brauchbar ist. Aber es gibt ein paar Erfahrungen, die ich in den letzten 30 Jahren selbst, aber auch in der Zusammenarbeit mit meinen Studierenden gemacht habe.
Und es gab dieses eine Erweckungserlebnis, das ich als 13-jähriger Schlagzeuger in einer Masterclass mit der Marimba-Legende Leigh Howard Stevens hatte. Er hat mir an diesem einen Nachmittag im Sommer 1996 die Augen wirklich geöffnet und die Art meines Übens bis heute geprägt.
Begonnen hat es damit, dass ich eigentlich alles zu schnell und sehr unsauber gespielt habe. Da stimmten oftmals die Töne nicht, ich bin regelmäßig an den schwierigen Stellen zum Stillstand gekommen oder wurde gleich direkt aus dem Werk oder dem Song geworfen. Ich war hochmotiviert, rasend schnell und total bereit für jeden Wettbewerb. Aber gut gespielt habe ich nicht.
Und so hat mich Leigh Howard Stevens, nach dem auch der berühmte Grip am Marimbaphon benannt ist, an einem heißen Sommernachmittag in Salzburg zur Seite genommen und mir die Leviten gelesen: „Martin, the way you practice, the way you try to get better, will lead to nothing. Your approach is awful.“ Ich war damals jung, und Straight Talk mochte ich schon immer. Daher habe ich ihn dann frei heraus gefragt, wie es denn besser geht. Die 10 Gebote, die ich hier gleich erklären will, sind für Hobbymusiker, ambitionierte Amateure, Studierende und Profis gleichermaßen anwendbar. Sie entstammen der Practice-Bibel von Leigh Howard Stevens und sind mein alleiniger Maßstab in dieser Frage. Hier die 10 Gebote des Übens nach Leigh Howard Stevens:
Gebot 1:
Übe immer in voller Konzentration! Egal, was du spielst – egal, wie schwer oder vermeintlich einfach die Herausforderung ist: Dein ganzer Fokus liegt auf den nächsten Takten. Entwickle einen Tunnelblick – schalte all deine Geräte aus und richte dein Augenmerk auf deine musikalische Herausforderung. Besser 10 Minuten in voller Konzentration als 2 Stunden mit YouTube im Hintergrund.
Gebot 2:
Schreibe die wichtigsten Details deiner Technik auf ein großes Plakat. Dieses steht während des Übens immer vor dir. Bei uns Schlagzeugern sind das beispielsweise: Körperhaltung, Position am Instrument, Ausrichtung der einzelnen Finger an den Sticks, Proportionen zwischen Ellbogen, Oberkörper, Knien, Schultern und Handgelenken etc. Diese wichtigen Details hast du sprichwörtlich immer im Blick.
Gebot 3:
Das Metronom ist dein ewiger Begleiter – denn du willst auch effizient üben. Gemeint ist also, dass du mehrere wichtige Parameter in eine Übung packst. Technik, Repertoire, Timing, Phrasing und das Auswendiglernen der Noten können immer in eine Übung gepackt werden. Das Metronom wird dein Timing und deine Präzision schärfen. Es stellt sicher, dass eine langsam geübte Übung auch langsam bleibt. Es wird dich daran erinnern, dass deine Muskeln jede einzelne Übung wirklich in ganz langsamem Tempo benötigen, damit der Bewegungsablauf automatisiert wird.
Gebot 4:
Die vielleicht wichtigste Regel: Will man irgendetwas im Leben wirklich außergewöhnlich gut beherrschen, muss man es zehntausende Male in Zeitlupe üben. Je langsamer, desto besser. Je konzentrierter, desto erfolgreicher. Je penibler, desto effizienter. Es war meine Meditation in langen Nächten von 2 bis 4 Uhr früh, als mein Körper leer und ohne Kraft war. Aber langsames Üben der allerschwierigsten Stellen war machbar. Und das waren die Extrastunden, die mein Spiel und meine Ausdauer beflügelt haben. Wie übt man also langsam? Man nimmt sich 2–4 Takte vor! Nehmen wir an, das Originaltempo liegt bei 140. Dann stellt man das Metronom auf Tempo 25 und versucht, diese Takte in Perfektion zu spielen. Perfekte Tonabfolgen, perfekte Position am Instrument, perfekte Rhythmik. Hat man es auf Tempo 25 mindestens 10-mal am Stück ohne einen einzigen Fehler gespielt, wandert das Metronom-Tempo weiter auf Tempo 27. Spielt man es in den 10 Durchgängen einmal falsch, beginnt die Reihe wieder bei 1. Es muss also 10-mal hintereinander perfekt abgelaufen sein, bevor man die Metronomzahl um 2 BPM erhöhen darf. Diese Methode wirkt mühsam und absurd. Hier mein Versprechen: Mit dieser Methode prägen sich Werke und schwierige Passagen in Perfektion ein. Und das für ein ganzes Leben. Manches aus dieser Zeit könnte ich 30 Jahre später um 4 Uhr früh im Halbschlaf perfekt spielen. Denn meine Muskeln wissen ganz exakt, wohin die Reise gehen muss. In der Gesamtrechnung ist es also die schnellste und effizienteste Art des Übens.
Gebot 5:
Egal ob Amateur oder Profimusiker – das Üben einer Phrase sollte immer im Gesamtkontext passieren. Beispiel: Eine viertaktige Phrase hat Töne und Rhythmen. Aber gleichzeitig stehen da oft dynamische Zeichen (lauter, leiser) oder auch besondere Merkmale zur Interpretation wie beispielsweise Akzente, Staccati, Marcati etc. Wichtig ist, dass man IMMER alles gleich „mitübt“. Denn es verändert den automatisierten Bewegungsablauf der Muskeln, wenn Phrasen besondere musikalische Merkmale haben. Und das prägt man sich besser gleich ein. Ein letztes Beispiel: Ein Rock-Shuffle-Pattern hat beispielsweise oft Ghost Notes in einer Phrase. Diese Ghost Notes sollten beim langsamen Üben gleich mitberücksichtigt werden.
Gebot 6:
Never practice when you play! Übe niemals, wenn du spielst! In einer Ensembleprobe, einer Bandprobe, in der Probe der örtlichen Blasmusik, im Konzert etc. wird nicht geübt!
Eine wichtige Regel des Übens ist, dass man niemals übt, wenn man in einer gemeinsamen musikalischen „Situation“ ist. Trifft man sich zur Bandprobe, ist bereits davor ordentlich geübt worden, und man weiß exakt, was zu spielen ist. Gleiches gilt für Ensemble-, Orchester- und/oder Chorproben. Es gilt für Hobbymusiker und Profis. Auf Bühnen und in Proben ist die Arbeit des Übens bereits getan. Das hat zwei ganz große Vorteile: 1. Es macht dann viel mehr Spaß. 2. Man geht mit dem eigenen „Gedudel“ den anderen Mitmusikern nicht auf die Nerven. Das erhöht die musikalische Lebensqualität für alle Beteiligten enorm!
Gebot 7:
Never play when you practice! Simuliere keinen Auftritt, wenn du eigentlich üben solltest!
Oftmals spielt man im Überaum vor sich hin – man spielt den einen Song und den zweiten. Man spielt Parts aus Werken einfach so vor sich hin und vermittelt sich selbst den Eindruck, man würde etwas sinnvoll üben. Mit Üben hat das aber nichts zu tun – es ist, gelinde gesagt, Zeitverschwendung. Wenn man also im Probe- und Überaum sitzt, sollte man wirklich üben und dafür einen Plan und ein Ziel haben. Und zwar nach den oben genannten Grundregeln und mit dem vollen Fokus, etwas neu lernen, verinnerlichen oder sinnvoll wiederholen zu wollen. Aber gewiss nicht, um einfach vor sich hin zu spielen.
Gebot 8:
Fortschritt macht Spaß! Das Schöne am Üben ist ja, den eigenen Fortschritt wirklich erleben zu können. Das Weiterkommen und Besserwerden! Nichts ist schöner und befriedigender als die Wahrnehmung, einen weiteren Schritt gemacht zu haben. Es ist das gesunde Doping für uns alle! Unser Treibstoff für die nächste Übungseinheit.
Derzeit unterrichte ich neben meinen Studierenden an der Universität Mozarteum Salzburg auch viele Schlagzeuganfänger im Rahmen eines Projekts mit dem Musikum Salzburg. Und das Glänzen in deren Augen zu sehen, wenn der nächste Schritt, der nächste Groove, das neueste Fill geschafft wurde, ist meine größte Motivation. Ich liebe das wirklich sehr – es ist mein Applaus!
Gebot 9:
Letztens saßen wir im MyGroove-Team beisammen, und eine Mitarbeiterin zeigte uns ein Instagram-Video. Wie man weiß, sind diese von Natur aus nicht sehr lang. Und trotzdem fehlte der tollen Kollegin die Konzentration, Ruhe und Aufmerksamkeit, das Video bis zum Ende mit uns anzusehen. Die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsspannen von uns allen werden kürzer und kürzer … Das ist natürlich dem nachhaltigen Üben abträglich. Und trotzdem kann das Üben auf Basis der 10 Gebote hier auch eine Chance sein, sich wieder vermehrt auf etwas länger konzentrieren und fokussieren zu müssen. Es ist wie ein mentaler Reinigungsprozess und gibt uns die Möglichkeit, den Gesetzen von Social Media und dem schnellen Aufmerksamkeitskick zu entkommen. Es ist Meditation zum eigenen Vorteil!
Gebot 10:
Wie immer im Leben führen auch hier viele Wege ans Ziel. Es gibt bestimmt viele weitere tolle Ideen für nachhaltiges Üben! Aber diese 10 Gebote haben zumindest mich ans Ziel gebracht! Probiert es aus und werdet mit MyGroove einfach schnell besser!
Es ist Zeit, dein Schlagzeugspiel aufs nächste Level zu bringen
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Martin Grubinger
Musiker & MyGroove Gründer
Technische Perfektion, Spielfreude und musikalische Vielseitigkeit sind die Qualitäten, für die Martin Grubinger als vielleicht bester Multipercussionist der Welt gilt. Seine kometenhafte und einzigartige Bühnenkarriere wie seine Professur am Mozarteum Salzburg legen hierfür Zeugnis ab. Jetzt widmet sich Martin verstärkt der digitalen Musikvermittlung und entwickelte die MyGroove App, um die Freude am Musik machen verstärkt in den Alltag zu transportieren.